Land Unter

Der Meeresspiegel steigt, in der Nordsee schneller als anderswo. An kaum einem anderen Ort in Deutschland ist das spürbarer als auf einer Hallig, wo Überflutungen schon immer zum Alltag gehören. Ein Besuch auf Norderoog und Hooge.

Text: V.L. Fotos: Bastian Betz

Kapitel 1: Die Vögel

Das Wasser würde kommen. Nele Waltering wusste es, sie hatte die Kurven gesehen, die neongrellen Linien auf ihrem Bildschirm, die den Wasserstand vorhersagten. Aber wie schlimmes werden würde, wusste sie nicht. Es war der 9. Juni 2024, seit Monaten lebte sie allein aufdiesem Fleck Land in der Nordsee, aber an diesem Tag hatte sie jedes Zeitgefühl verloren. Sie erinnert sich, wie sie in ihrer Hütte auf und ab lief, immer mit der Frage im Kopf: Was würdedas Meer mitnehmen? Nele Waltering, 28 Jahre alt, ist Vogelwartin auf Norderoog, sie steht in einer langen Reihe von Vogelwarten auf der Hallig. Seit mehr als hundert Jahren ziehen Menschen während der Brutsaison auf das unbewohnte Eiland, um sich um die Seevögel zu kümmern. Und den Sturmfluten standzuhalten, gegendie auf den Halligen, anders als auf den Inseln, keine Deicheschützen. An diesem Tag peitschte Westwind über Norderoog, erin-nert sich Waltering, Möwen und Seeschwalben schrien aufgebracht. Es war früh im Jahr, Anfang Juni, eine Zeit, in der eine Überflutung besonders verheerend für die Vögel sein würde: Die Eier lagen noch in den Nestern, die ersten Küken warengerade geschlüpft, ihre Federn zu zart, um der Kälte der See zutrotzen. „Nele, es wird etwas verlorengehen, stell dich daraufein.“ Ihr Chef hatte sie am Vorabend angerufen und dann nocheinmal am Vormittag. Die Flut kam am Nachmittag, zunächst so wie immer, erinnert sich Waltering. Sie floss langsam auf die Hallig zu, aufden Steg, in die Lahnungsfelder, die das einströmende Meerbremsen. Aber dann kroch das Wasser weiter, füllte die Priele, überspülte die Salzwiesen, leckte an den Nestern.Eine Kolonie Küstenseeschwalben brütete gleich an ihrem Stelzenhaus. Vor wenigen Tagen war das erste Küken ge-schlüpft. Ein Knäuel feiner Daunen, kaum größer als ein Tischtennisball. Sie hoffte, die Flut würde nicht bis an die Nestersteigen. Einige könnte sie vielleicht in die Hütte holen. Aber fürdie anderen weiter draußen konnte sie nichts tun. Es waren zuviele. Um die zehntausend Vögel brüteten in diesem Jahr auf Hallig Norderoog. Zehn Hektar, zwei Hütten, ein Mensch: Das ist die Hallig Norderoog aus Sicht der Menschen. Fünf Kilometer ist dienächstgelegene Hallig Hooge entfernt, 25 das Festland. Wie ein Gitter ziehen sich Lahnungen um das Ufer, Holzpflöcke, dieverhindern, dass die Halligkanten abbrechen. Besser gesagt: den Abbruch verzögern. Denn das Meer hat sich in den vergangenen hundert Jahren bereits mehr als die Hälfte der Hallig genommen. Und damit einen großen Teil der Vogelbrutplätze. Von den 21 Brutvogelarten auf Norderoog gelten zehn als gefährdet. Der Meeresspiegel steigt, in der Nordsee sogar schneller als anderswo. Das liegt vor allem daran, dass sich das Meererwärmt und damit ausdehnt. Die Nordsee hat sich in den letzten 60 Jahren im Mittel fast doppelt so stark erhitzt wie die globalen Ozeane – das zeigt eine aktuelle Studie des Alfred-Wegener-Instituts.

Wie ein Ring umgeben Norderoog und weitere neun Halligen die Insel Pellworm im nordfriesischen Wattenmeer. Sie bestehen aus flachem Marschland, das mit speziellen, salztoleranten Kräutern und Gräsern bewachsen ist. Andere Pflanzen könntennicht gedeihen. Denn anders als die Nordseeinseln werden Halligen bei Sturmfluten nicht von Deichen geschützt, sondern vom Meerverschluckt. Wenn der Meeresspiegel weiter steigt, werden die Halligen das Stück Deutschland sein, das als Erstes versinkt. Wann genaudas geschehen wird, weiß keiner. Aber schon jetzt sind Veränderungen spürbar. Und die Frage wird drängender: Wie lange hält man an etwas fest? Wann gibt man es auf? Ich treffe Nele Waltering Anfang August, zwei Monate nach derverheerenden Kükenflut. Die Brutzeit ist vorbei, die Zugvögel sind weiter nach Norden gezogen. „Schutzzone 1 – Betreten nicht erlaubt“, steht auf einer Tafel an der Meerkante der Hallig. Wer diesen Bereich betreten will, braucht eine Sondergenehmigung. „Es ist ein Privileg, hier zu sein“, sagt die Vogelwartin. Auf dem Festland studiert sie Umweltingenieurwissenschaften. Ihre langen blonden Haare hat sie zu einem Knoten gebunden, ihr Fernglas über die Schulter gehängt wie andere eine Handtasche. Auch das Meer trägt sie immer mit sich: Unter ihrem rechten Knöchel ist eine Welle tätowiert, umihren Hals baumelt eine Kette aus Bernstein, dem Gold der Nordsee. Anfang April hat sie ihr Zuhause auf Zeit bezogen, bis Ende Oktober wird sie allein mit den Vögeln leben. Um sie herum nur nasse Wiesen, rauer Wind und das Watt. Sie erzählt, dass sie in den vergangenen Monaten die Veranda ihrer Hütte fast nie verlassen hat,um die Vögel nicht zu stören. „Oft stehen wir Menschen über der Natur. Hier ist es anders: Ich komme zuletzt, die Vögel stehen anerster Stelle“, sagt sie. Zehn bis zwölf Millionen Vögel kommen jedes Jahr ins Wattenmeer, um zu rasten, sich für den Weiterflug zu stärken oder ihre Jungen aufzuziehen. Die Hallig Norderoog nimmt dabei einen besonderen Platz ein: Sie ist seit über 100 Jahren allein der Natur vorbehalten. Der Verein Jordsand, einer der ältesten Naturschutzvereine Deutschlands, hat sie 1909 gekauft, um die dort lebenden Vögel zu schützen. Der Verein bezahlt auch den Vogelwart, der jedes Frühjahr die Hallig bezieht, um bis zum Winter das Brutverhalten zu dokumentieren und Störenfriede zu vertreiben, die mit dem Boot an Land gehen. Der Schutz ist dringender denn je, die Populationen der Vögel, die im Watt brüten, gehen zurück. Vor allem für die in Deutschland vom Aussterben bedrohte Brandseeschwalbe ist Norderoog eines der letzten Refugien. Mehr als siebzig Prozent aller Brutpaare

des deutschen Bestands brüten hier, und das seit über hundert Jahren. Das zeigen die Daten der Vogelwarte, lange Tabellen, gefüllt in mühsamer Zählarbeit. Doch der Klimawandel bedroht diesen Brutplatz. Zwar hat es Sturmfluten im Sommer schon vor hundert Jahren gegeben. Eine Analyse der Pegel vom Landesbetrieb für Küstenschutz inHusum zeigt jedoch, dass Landunter-Ereignisse im Juni mittlerweile deutlich häufiger vorkommen. Für die Vögel kann das den kompletten Verlust ihrer Brut bedeuten. Eine Sommersturmflut pro Dekade kann eine Art verkraften, aber eine pro Jahr? An diesem 9. Juni kam das Wasser von allen Seiten, erinnert sich Nele Waltering. Weit über die Hälfte der Hallig warüberschwemmt, panisches Flattern erfüllte die Luft. Die Seeschwalben kreisten über Pfützen, wo eben noch Nester waren. Die Lachmöwen holten Stöckchen, schoben sie unter ihre Küken, um sie höher zu betten. Es half nicht. Seit Monaten hatte Nele Waltering die Tiere begleitet, be-obachtet, wie sie sich mit Fischgeschenken umwarben. Sie hatte gesehen, wie Paare sich fanden und Nester entstanden, sich über die ersten Eier gefreut. Nun sah sie die Nester auf die offe-ne See treiben. Innerhalb weniger Stunden riss die Flut sie fort:etwa fünftausend Eier und Küken. Darunter auch eine Kolonie der Brandseeschwalben. Als das Meer die Hallig wieder freigegeben hatte, saßen die Vogeleltern an Pfützen, unter denennichts mehr war, was sie schützen konnten. Und irgendwann war es still auf Norderoog. So still, dass man glauben konnte, der Rest der Welt sei weggeschnitten worden. Die Vögel waren fort. „Wo sollen sie noch brüten?“, fragt Nele Waltering. „Wir Menschen nehmen uns alles, die Strände sind voll, die Meere leergefischt.“ Und das Wasser steigt weiter.Nach der Flut im Juni folgten im Juli wieder Sturm und Starkregen. Wieder erfroren Küken. Von Tausenden Brutpaaren verschiedener Vogelarten wurden auf Norderoog nicht einmal hundert Küken flügge. Eine schlechte Brutsaison. Schon wieder. „Das war hart anzusehen“, sagt Waltering. Eine kleine tröstliche Nachricht kam vor einigen Tagen aus Dänemark: Sechs junge Brandseeschwalben, die bei ihr auf Norderoog geschlüpft waren, wurden auf Rømø gesichtet. „Manche haben es doch geschafft“, sagt sie.

Kapitel 2: Die Menschen

Fünf Kilometer nördlich von Norderoog, Hanswarft 11 auf Hallig Hooge. Klaudia Bendixen steht in der Tür ihres Friesenhauses, steckt sich eine Kippe in den Mund und lässt ihr Sturm-feuerzeug zweimal klicken. Vom Imbiss gegenüber weht eine Akkordeon-Melodie herüber. Vor dem Haus schiebt sich eine Gruppe Rentner durch die Gasse. „Zwei Erwachsene? Macht sieben Euro.“ Im Vorgarten von Klaudia Bendixen stehen zwei Frauen, eine zückt ihr Portemonnaie. „Dann kommense mal rein“, sagt Bendixen und bit-tet die beiden in ihr Zuhause, das gleichzeitig ein Museum ist.Klaudia Bendixen lebt ein bisschen wie jene englischen Adli-gen, die ihre Schlösser für das Publikum geöffnet haben: Obenwohnt sie mit ihrer Mutter, unten führt sie Touristen durch diehistorischen Räume.Hallig Hooge: Das sind hundert Einwohner, zehn bewohn-te Warften, auf einer Fläche so groß wie der Hamburger Flug-hafen. Warften sind Hügel, die die Hallighäuser bei Land untervor Überflutung schützen. Jede Warft ist wie ein kleines Dorf.Die Türen stehen offen, die Schlüssel stecken in den Autos, eine Polizeistation gibt es nicht. Zwischen den Warften liegen Salz-wiesen, Priele durchziehen sie wie Adern. Und egal in welche Himmelsrichtung man blickt: der schnurgerade Horizont desMeeres.Aber die Hallig Hooge ist auch: Fast fünfmal so viele Gästebetten wie Bewohner und 86.000 Tagesbesucher im Jahr. Diemeisten von ihnen trifft man auf Hanswarft, auf der es an jeder Ecke Fischbrötchen zu kaufen gibt und das einzige Kino immernur einen Film zeigt: Land unter auf Hooge. Mittendrin dasHaus von Klaudia Bendixen. Ihr ganzes Leben hat sie auf der Hallig verbracht, so wie ihreEltern, Großeltern und die Generationen vor ihnen. Das reet-gedeckte Haus gehört ihrer Familie seit 1776, Klaudia Bendixen ist eine Nachfahrin des Grönlandfahrers Tade Hans Bandix, dermit einem Walfänger in die Arktis segelte. Er baute das Kapi-tänshaus, in dem seine Nachfahrin lebt, und richtete es mit eleganten Mahagonimöbeln ein, die bis heute dort stehen. Während der Sommersaison gilt für Bendixen: „Kein Wo-chenende, kein Feiertag, kein Urlaub.“ Für Ruhe seien die Winter da. Im Oktober schließt das Museum für ein halbes Jahr. EinLeben in Gezeiten. Im Sommer die Touristen, im Winter dieFluten.Manche Halligbewohner stellen sich darauf ein, dass die Fluten sie früher oder später vertreiben werden. „Wir leben vonWinter zu Winter, halten die Stellung, solange es noch geht“, sagt einer. Denn der Meeresspiegelanstieg bedroht nicht nur Watt und Tiere, sondern auch die Menschen an der Nordsee, vor allem die Halligbewohner. Bedrohliche Sturmfluten werdenschon deshalb häufiger, weil sie von einem höheren Grundlevel ausgehen. Klaudia Bendixen sagt: „Beim Thema Klimaschutz krieg ich so ’ne Krawatte“, und umkrallt die Luft vor ihrer Kehle. „Damit hätten sie vor fünfzig oder hundert Jahren anfangen müssen. Nicht erst jetzt, wo es zu spät ist.“ Der Takt der Tiden bestimmt seit Jahrhunderten den Alltag der Halligbewohner.

Statt festen Leerungszeiten steht auf dem Briefkasten „tideabhängig“. Für einen Zahnarztbesuch sind die Hooger zwölf Stunden unterwegs, weil die Fähre zum Festland, wenn überhaupt,nur morgens und abends kommt. „Wer auf einer Hallig aufgewachsenist, kann überall überleben“, sagt ein Bewohner. „Die auf dem Kontinent sind verwöhnt.“ Manche Halligen haben bis zu 40-mal im Jahr Land unter. Dannwerden die Warften zu Inseln, und wo Straßen und Wiesen waren, ist Nordsee. Bis die See abfließt, sind die Bewohner auf den Warftengefangen. Das kann ein bis zwei Tage dauern, manchmal drei bis vier. Seit Menschen auf Halligen leben, also seit tausend Jahren, mussten Warften erhöht werden, weil das Meer an den Häusern leckte.Aber die Abstände zwischen den Erhöhungen werden kürzer. Da wardie große Sturmflut von 1962, nach der alles erneuert wurde. Dasnächste Warftverstärkungsprogramm begann 1989 und endete 2004.„Damals dachte man, man sei durch für das nächste Jahrhundert“, sagt Bürgermeister Michael Klisch. Bis Ende 2013 die Wirbelstürme Christian und Xaver über Deutschland wüteten und die Halligen von mehreren Sturmfluten getroffen wurden. Manche Warften wurdenüberspült. Gutachter stellten fest, dass der steigende Meeresspiegel die Hügel bald einholen wird. 27 der 32 bewohnten Warften seien gefährdet. Die Landesregierung Schleswig-Holstein hat ein neues Pro-gramm gestartet, eines davon auf der Hanswarft von Hooge.Die Räume im Haus von Klaudia Bendixen sind vom Boden bis zur Decke mit blau-weißen Kacheln ausgekleidet. Kapitän Bandix brachte die niederländischen Fliesen Mitte des 18. Jahrhunderts von seinen Reisen mit. In der guten Stube hängen die besonders seltenen, die mit Bibelversen, eine einzelne sei über 2000 Euro wert, sagt Bendixen. Als die Bagger anrollten, um die Hanswarft zu erhöhen, vibrierte das Kapitänshaus. „Du dachtest, du hast einen im Tee“, sagt Bendixen. Die Fliesen fielen von den Wänden. Sie musste sie auf eigene Kosten wieder anbringen lassen. Wie lebt man damit, wenn der eigene Lebensraum dem Untergang geweiht ist? Klaudia Bendixen hofft. Sie drückt ihre Daumen in ihre Fäuste. Ihre Enkelin ist elf Jahre, sie hofft, dass sie das Haus ihrer Familie einmal übernehmen wird. Sie wäre die zehnte Generation

Kapitel 4: Das Land

„Weg da“, blafft der Kutscher drei Tage später, die Kutsche voller Tagestouristen. Stau auf Hallig Hooge. Die einzige Straße vomFähranleger zu den Warften ist blockiert. Heute hat das Schiff ungewohnte Fracht ausgespuckt: Transporter und Lastwagenmit schwerem Gerät, sie tragen Hamburger Kennzeichen. Von Volkertswarft kommt eine Frau mit Schiffermütze und wehendem Hemd herunter. Shunka Gilberg winkt und weist die Transporter ein. Sie ist Geologin und arbeitet für ein Hamburger Ingenieurbüro. Mit zwei Bohrkolonnen ist sie angereist, um in den nächsten Wochen auf Hooge Bodenproben zu nehmen. Die Warften sollen für die Klimaerwärmung und die Stürme, die sie mit sich bringt, zukunftssicher gemacht werden. Doch das ist teuer. Als die Hanswarft erhöht wurde, kostete das knapp sechs Millionen Euro. Der Fähranleger muss wegen der stärkeren Strömung erneuert werden, weitere dreißig Millionen. Die Halligen sind hoch verschuldet. „Sie sind die rote Laterneder Haushalte in Schleswig-Holstein, heißt es immer“, sagt Bürgermeister Michael Klisch. Hier trifft eine enorme ökologische Bedeutung auf existenzielle Probleme und schwache Wirtschaftskraft. Die Arbeiten auf den Halligen dienen aber nicht nur dem Schutz ihrer Bewohner: Die Halligen selbst schützen die Küste, sie sind Wellenbrecher und zügeln die Energie der Sturmfluten. Ohne sie würde die Kraft des Meeres ungebremst auf das Festland prallen. „Das ist sicher unser großes Plus, weswegen über-haupt Geld reingesteckt wird“, sagt Klisch. „Doch die Frage ist: Müssen die Halligen dafür bewohnt sein? “Der Bürgermeister sagt: Dass sie es noch sind, liegt wohlauch an ihrem Status als Biosphärenreservat, den die Unesco den Halligen 2004 verlieh. Damit sind sie eine von 750 Modellregionen weltweit, in denen das Leben im Einklang mit der Naturgelebt werden soll. Er sagt auch: „Bisher hat sich in der Politik niemand getraut zu sagen: Scheißegal, Unesco, wir bezahlendas nicht mehr, die Leute sollen wegziehen.“ Es gibt ein Phänomen, das den Halligbewohnern Hoffnungmacht, womöglich doch länger bleiben zu können, als es dieBerechnungen der Klimaforscher nahelegen. Das Phänomen hat einen Namen: natürliches Hallig wachstum. Bei jedem Land unter spülen Sturmfluten Schlick aus dem Watt an, derliegen bleibt und die Oberfläche erhöht. Im Kampf gegen densteigenden Meeresspiegel ist das ein wichtiger Mechanismus. Das Problem ist nur, dass die Halligen mit dem Wachsen nicht hinterherkommen: die 1,5 bis 3 Millimeter, die Hooge pro Jahr zulegt, sind zu wenig, um die 4,5 Millimeter Meeresspiegelanstieg auszugleichen, die der Pegel in Wyk auf Föhr, zwölf Kilometer nördlich von Hooge, jedes Jahr misst. Gemeinsam mit der Universität Göttingen und dem Lan-desbetrieb für Küstenschutz Schleswig-Holstein wird nun erforscht, wie man das Halligwachstum künstlich verstärken kann. Das Ziel ist, Überflutung zuzulassen und gleichzeitig zuverhindern, dass Sturmfluten die Halligen Stück für Stück auffressen. Auf der Hallig Nordstrandischmoor verlegte man dafür zum Beispiel ein Rohr, das Wasser mit Sedimenten auf die Hallig leitet.
Bürgermeister Michael Klisch sitzt im Seminarhaus der Schutzstation Wattenmeer auf Hanswarft. Er zog 2005 auf dieHallig, um die Schutzstationen auf Hooge und der Nachbarhallig Langeneß zu leiten. Mit seiner Frau wohnt er in einem alten Hooger Friesenhaus. Das Haus von 1750 liegt tief im Bauch einer Warft, deren Ränder immer höher gewachsen sind. Sollte das Wasser über den Rand treten, könnte die Warft wie ein Kessel volllaufen. Um das Haus auf eine sichere Höhe zu bringen,müsste es abgerissen und ein neues gebaut werden. „Aber wer bezahlt das, und wo leben wir in der Zwischenzeit?“ Noch sei niemand fortgezogen, aber hundert Jahre seien eine kurze Zeitspanne. Er glaubt nicht, dass es eine riesige Sturmflut sein wird, die irgendwann alles wegspült. „Aber wenn alle zwei Jahre der Keller unter Wasser steht, werden das viele finanziell oder psychisch nicht schaffen.“Das jüngste Baby auf Hooge wurde im Januar geboren. Der Bürgermeister ist sich sicher, dass es nicht bis an sein Lebensende hier leben wird.

Kapitel 3: Das Watt

Wenn das Meer zurückgegangen ist und der Wind sich gelegthat, kann man das Watt hören. Ein Knistern wie Brause auf derZunge, Millionen winzige Laute, die zeigen, dass sich überallLeben tummelt. „Man weiß nicht genau, warum Wattknisternexistiert“, sagt Clara Schönfeldt. Sie steht bis zu den Knöchelnim Schlamm, über dem an diesem Tag ein Dunstschleier liegt.Vielleicht sind es Wasserhäutchen, die reißen, wenn TausendeSchlickkrebse ihre Fühler spreizen. Vielleicht Luftbläschen, dieplatzen, wenn Herzmuscheln Wasser aus den strohhalmarti-gen Siphonen strömen lassen.Der Blick der Menschen auf das Watt hat sich in den letztenJahrzehnten gewandelt: Von der reinen Rohstoffressource undMülldeponie, als die es lange Zeit behandelt wurde, zum Natio-nalpark Wattenmeer im Jahr 1985 und schließlich, 2009, zumWelterbe der Menschheit.Im August 2024 schlug das Alfred-Wegener-Institut Alarm:Das Wattenmeer der südöstlichen Nordsee verändere sichdurch den Klimawandel in nie dagewesener Geschwindigkeit.Um fast zwei Grad sei die Oberfläche des Meerwassers wärmergeworden. Wenn der Nordseepegel einen kritischen Stand er-reiche, könne sich das Watt von einem gezeitenabhängigenzu einem lagunenähnlichen Gebiet entwickeln, heißt es in derStudie. In einem Watt zieht sich das Wasser zweimal am Tagzurück. In einer Lagune steht es.„Alle Probleme, die wir weltweit haben, sind in der Nordseeviel extremer“, sagt Clara Schönfeldt. Sie ist 19 Jahre und lebtseit einem Jahr auf Hallig Hooge. Wie Nele Waltering ist auch siefür den Naturschutz auf die Halligen gezogen. Schönfeldt arbei-tet für den Verein Schutzstation Wattenmeer und ist eine vonvielen Freiwilligen, die in der Region mit enormem AufwandKüstenvögel zählen, Tiere und Pflanzen kartieren, den Spül-saum auf Müll und tote Vögel absuchen. All das, um frühzeitigGefahren zu erkennen, die auf das Wattenmeer zukommen.Clara Schönfeldt blickt vor sich ins Watt, findet etwas, greiftzu: eine Strandschnecke, die ihr Haus mit einem Horndeckelverschlossen hat. Bis zu drei Wochen Trockenheit hält das Tierso aus. Schönfeldt schwingt die Schnecke, zeichnet die Wogendes Meeres in der Luft nach. Die Schnecke öffnet ihren Deckelund kriecht heraus, in Erwartung, das Meer zu finden. Meeres-schnecken leben vom Seegras. Doch der höhere Meeresspiegelführt zu stärkeren Strömungen, die das Seegras ausreißen undSchnecken wegspülen an den Strand, wo sie vertrocknen.Ein Watt lebt vom Einatmen und Ausatmen des Meeres, esist ein Ökosystem, das immer in Bewegung ist, sich selbst ver-sorgen und heilen kann. Aber es kann sich nicht so schnell an-passen, wie das Klima sich verändert. Wattflächen, Salzwiesenund Dünen verschwinden, je mehr Wasser sich im Wattenmeersammelt. Das Meer wächst, und das Watt ertrinkt. „Wir müssen uns bewegen, das Wasser kommt“, sagt Clara Schönfeldt und blickt hinaus ins Grau der Nordsee, wo die Flut auf sie zukriecht.